Ansatz der Forschung
Filmtheoretische Diskurse sind so alt wie das Medium selbst. Von Beginn an beschäftigten sich Intellektuelle mit dem Film. Die Diskussionen kreisten im Laufe der Filmgeschichte um die unterschiedlichsten Inhalte, stilistischen Formen und intendierten Zielsetzungen. Es wurden Manifeste verfasst, Anleihen aus literarischen und kunsttheoretischen Überlegungen genommen oder sich die Frage nach dem Kunstcharakter des Films gestellt. Man kann filmwissenschaftlich wiederum diese Diskurse verhandeln, aufarbeiten und neue Zusammenhänge finden. Eine andere Möglichkeit sich mit dem Medium Film auseinanderzusetzen, kann ein interdisziplinärer Zugang sein.
Der motivierende Gedanke für diese Forschung ist zwei gesellschaftszentrale Phänomene des 20. Jahrhunderts, nämlich den Film und das Lager, miteinander in Beziehung zu setzen.
Der Nationalsozialismus ist das markanteste, zeitgeschichtliche Beispiel, an dem man diesen Zusammenhang sehr deutlich diskutieren kann. Die Filmgeschichte(n) und kulturwissenschaftliche Betrachtungen beweisen, dass das Medium Film nach 1945 eine wichtige Funktion im kulturellen Erinnerungsauftrag, den Genozid und Holocaust der Nationalsozialisten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, einnimmt. Im Besonderen gilt das Genre des Dokumentarfilms als gesellschaftlich etablierter Teil des Erinnerns und Gedenkens. Wie verhält sich dieser Zusammenhang innerhalb anderer Genres bzw. Ausdrucksformen des Mediums Film? Diesbezüglich sei folgende zentrale Frage dieser Forschung in den Raum geworfen:
Inwieweit können ästhetisierte Filmbilder des US-amerikanischen Spiel- bzw. Mainstreamfilms zu einem kulturellen Erinnern und Gedächtnis beitragen?
Die gesamte US-amerikanische Filmproduktion über den Zweiten Weltkrieg wird als paradigmatisches Forschungsfeld herangezogen werden um mit diesem Fundus an Filmen schlussendlich eine Antwort auf die Frage zu finden, ob die Ästhetik in US-amerikanischen Mainstreamfilmen zu einer Simplifizierung der Geschichte beiträgt oder eben auch als ein Teil einer Erinnerungskultur angesehen werden darf.
Definition und Differenzierung bestimmter Lagerformen der Nationalsozialisten
Nimmt man zunächst das Lagerphänomen in einen zeitgeschichtlichen Blick und betrachtet es im genaueren unter der Prämisse der Entwicklungen innerhalb des Zweiten Weltkrieges wird man um die durchaus unterschiedlichen Begrifflichkeiten wie Konzentrations- und Vernichtungslager nicht herum kommen. Die folgende Abgrenzung solcher Definitionen soll dazu dienen die Erscheinung des Lagers sehr detailliert auf die Forschungsthematik und den Gesamtzusammenhang des Zweiten Weltkrieges zu beziehen. Gerade im Hinblick auf viele verschiedene Formen und auch zeitgenössische Möglichkeiten des Lagerphänomens wie beispielsweise Guantánamo, Saualm, Flüchtlingslager u.a. ist es wichtig genau zu differenzieren, welche Merkmale faschistische Lager im Zweiten Weltkrieg besaßen, um eine gewinnbringende Grundlage für die Erforschungen einer Lagerästhetik in US-amerikanischen Filmproduktionen zu schaffen.
Das Lager als provisorisches, schnell zu errichtendes Massenquartier finden wir auch in der Zeit vor der Industrialisierung, vor allem zur Unterbringung von Soldaten und Kriegsgefangenen. Zum Massenphänomen auch des zivilen Lebens aber hat sich das Lager erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt. (Ulrich Herbert)
Möchte man nun zwischen den zwei wesentlichen Lagererscheinungsformen während des Zweiten Weltkrieges eine Unterscheidung treffen, ist es zunächst wichtig im Groben zu wissen, inwieweit sich das Lager an sich definieren lässt.
Ulrich Herbert liefert für dieses Vorhaben wichtige Ansatzpunkte um dem Phänomen des Lagers mittels einer Definitionsstruktur habhaft zu werden: Ein Lager im grundlegenden Sinne beruht zunächst einmal auf einem provisorischen Konzept (temporärer Charakter). Es ist überall einfach und schnell zu errichten (Ortsunabhängigkeit), kann zahlreiche Menschen auf kleinstem Raum beherbergen (Massenunterbringung), ist äußerst kostengünstig in Errichtung bzw. Einrichtung (Ökonomiefaktor) und bedeutet immer eine Herausnahme bzw. Ausschließung von bestimmten Bevölkerungsgruppen innerhalb eines bestimmten Territoriums („Raum der Ausnahme“). In diesen fünf fundamentalen Punkten unterscheiden sich die verschiedensten Lagerphänomene kaum. Erst aufgrund des Sinn und Zwecks, also der Funktion eines Lagers lassen sich bestimmte Differenzierungen erkennen und letztlich definieren. Für das Naziregime dienten Lager nicht nur dafür politische Gegner auszumerzen (Vgl: GUlag), sondern im Besonderen, vor allem seit der angeordneten ‚Endlösung der Judenfrage’ 1941, Juden sowie ‚minderwertige Fremdrasssen’ systematisch und vollständig auszurotten.
Die Historiker sind geteilter Meinung darüber, ob die erste Erscheinung der Lager in den campos de concentraciones zu sehen sei, die die Spanier 1896 auf Kuba zur Unterdrückung von Volksaufständen in der Kolonie einrichteten, oder in den concentration camps, in die die Engländer Anfang des Jahrhunderts die Buren pferchten; von Bedeutung ist hierbei folgendes: Es handelt sich in beiden Fällen um die Ausweitung eines an einen Kolonialkrieg gebundenen Ausnahmezustands auf eine Zivilbevölkerung in ihrer Gesamtheit. Die Lager haben ihren Ursprung also nicht im allgemeinen Recht (und noch viel weniger, wie man doch hätte meinen können, in einer Transformation und Weiterentwicklung des Haftrechts), sondern im Ausnahmezustand und im Kriegsrecht. (Giorgio Agamben)
Die Entwicklung des Lagers zu einer zentralen globalen Erfahrung des 20. Jahrhunderts hängt also unweigerlich mit dessen militärischer und ideologischer Nutzung zusammen. Innerhalb dieses militärischen und ideologischen Entfaltungsprozesses erreicht das Phänomen Lager während des Zweiten Weltkriegs mit den Lagerstrukturen Konzentrations- und Vernichtungslager einen menschenrechtlichen Tiefpunkt. Der wesentliche und wichtige Unterschied zwischen den beiden Lagerstrukturen Konzentrations- und Vernichtungslager lässt sich schon an der jeweiligen Bezeichnung ablesen. In einem Vernichtungslager wurden politische Häftlinge bzw. bestimmte Bevölkerungsgruppen (v.a. Juden) auf direktem Wege vernichtet. In einem Konzentrationslager geschah dies im entscheidenden Gegensatz nach dem Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“. Beiden Lagerformen waren jedoch das gleiche politische Endziel inhärent, nämlich bestimmte Menschen- bzw. Bevölkerungsgruppen zu vernichten und auszulöschen. Im Besonderen gilt hervorzuheben, dass diese beiden Lagerformen durchaus auch innerhalb einer gemeinsamen Lagerstruktur vorhanden waren (Vgl: Auschwitz-Birkenau).
Film als Propagandamittel und Ohm-Krüger
Der Vergewaltigung der Massen, die er [Faschismus] im Kult eines Führers zu Boden zwingt, entspricht der Vergewaltigung einer Apparatur, die er der Herstellung von Kultwerten dienstbar macht. (Walter Benjamin)
Es ist keineswegs eine neue Erkenntnis, dass das Medium Film von den Nationalsozialisten für Propagandazwecke und die Manipulation der gesellschaftlichen Masse benutzt wurde. Nicht nur durch Kulturfilme und Kinowochenschauen verbreitete das Naziregime seine Ideologie, sondern gerade die ästhetisierten Spielfilme bzw. Heiteren Filme benutzten die Nationalsozialisten für ihre propagandistischen Zwecke. Diese Propagandamaschinerie verwendeten sie auch dezidiert um von dem nationalsozialistischen Lagersystem abzulenken bzw. dessen Existenz zu beschönigen, also nach außen hin als legitime Kriegsmittel darzustellen. Das prominente Filmbeispiel Ohm-Krüger „versucht die Vernichtungspolitik in den Konzentrationslagern zu rechtfertigen, indem es diese als Erfindung der Briten in Südafrika anprangert“ (filmportal.de). Im Nationalsozialismus wurde gerade das Medium Film, als paradigmatisches Beispiel der NS-Propaganda, eingesetzt um von der Wirklichkeit abzulenken bzw. sie zu beschönigen. Die Filmästhetik innerhalb von NS-Propagandafilmen trug somit vehement zu einer Simplifizierung und Beschönigung politischer Um- und Zustände bei, weshalb man diesbezüglich von einer Manipulation des Zuschauers sprechen kann („Ästhetisierung der Politik“).
Zusammenfassung und Zielsetzung der Forschung
Im Hinblick auf den Forschungsansatz, der eben nicht das Ziel hat eine Filmästhetik der NS-Propagandafilme zu beschreiben, ist die eben erwähnte Funktion des Mediums im Nationalsozialismus äußerst wichtig, weil die US-amerikanische Filmproduktion über den Zweiten Weltkrieg davon explizit abgegrenzt werden muss, obgleich die schon zu Beginn aufgeworfene zentrale Forschungsfrage auch Anderes vermuten lässt. Diesbezüglich rücken zwei Aspekte in den Fordergrund. Zum einen muss man sich der Kriegsrolle der Amerikaner und ihrer Funktion innerhalb der Alliierten im Zweiten Weltkrieg bewusst sein (Vgl: shoa.de) und zum anderen ist davon auszugehen, dass die US-amerikanische Filmwirtschaft kein ideologisches Ziel verfolgt den Genozid (Holocaust) und die Lagerphänomene der Nazis innerhalb filmästhetischer Darstellungen zu beschönigen bzw. gar zu leugnen, sondern die Filmästhetik dramaturgischen und erzähltechnischen Bedingungen unterliegt und die Filme deshalb nicht immer faktentreu bleiben können. Aus diesem Grund richtet sich die zentrale Forschungsfrage auch auf den Aspekt einer Erinnerungskultur. Es ist kein Geheimnis, dass gerade die US-amerikanischen Filmproduktionen in Europa auch den Großteil des Umsatzes einspielen und ein breites Publikum finden. Innerhalb der gesellschaftlichen, europäischen Masse wohl auch auf mehr Interesse stoßen als viele dokumentarische Filmarbeiten europäischer Produktion. Diesbezüglich tragen sie unweigerlich dazu bei auf Problematiken des Naziregimes aufmerksam zu machen, was aber nicht unbedingt bedeuten muss, dass sie einer Erinnerungskultur im kulturwissenschaftlichen Sinne entsprechen müssen.
Der Film (Massenmedium) und das Lager (Konzentration der Masse) sind zum einen als Bestandteile der zunehmenden Formierung einer Masse und zum anderen als machtpolitische Instrumente der Nationalsozialisten zu betrachten. Der Film hängt also zeitgeschichtlich mit dem Lager insoweit zusammen, da darüber dessen Existenz während des Naziregimes verteidigt bzw. simplifiziert wurde und seit 1945 immer wieder die Lagerproblematik bzw. der Genozid (Holocaust) als filmisches Thema aufgegriffen wird. Nicht nur innerhalb europäischer Dokumentar- und Spielfilmproduktion findet sich das Thema stets wieder, sondern wie schon ausführlich diskutiert eben auch in US-amerikanischen Filmen. Das schon mehrfach angedeutete Ziel dieser filmwissenschaftlichen Forschung soll also sein, eine Filmästhetik des Lagers im US-amerikanischen Spielfilm über den Zweiten Weltkrieg herauszuarbeiten und letztendlich zu definieren, inwieweit diese Filmästhetik für eine Erinnerungskultur förderlich bzw. sogar kontraproduktiv sein kann. |