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The Miles Davis Story:
(2001)
Land: UK
Regie: Mike Dibb
Darsteller: Miles Davis, Jimmy Cobb

Inhalt: 

Biographie des amerikanischen Fernsehens über die Musikerlegende Miles Davis. Neben Verwandten und Musikern kommt auch Davis' Biograph Ian Carr oft zu Wort. Umfangreiches privates Bildmaterial und auagewählte TV-Ausschnitte runden die Dokumentation ab.
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Film als Biographie. The Miles Davis Story kontra Miles Davis.

The Miles Davis Story ist nicht gleich Miles Davis

26. Mai 1926 in Alton, Illinois. 28. September 1991 in Santa Monica, Kalifornien. Leben und Tod. Das Leben und den Tod von Miles Davis in Fakten/Zahlen gepresst. Diese biografische Rahmung ist als Ausgangspunkt gegeben um das Leben/Schaffen eines Künstlers zu verhandeln. Eine Biographie möchte genau das leisten und dokumentieren. Mit The Miles Davis Story. The Definitive Look At The Man And His Music hat der Regisseur Mike Dibb 2001, 10 Jahre nach dem Tod von Miles Davis selbst, versucht eine Form von Biographie abzuleisten. Film als Biographie. Eine Biographie ist auch immer ein Dokument, dass nicht vollständig sein kann. Es charakterisiert sich über durchaus notwendigen Auslassungen und auch Anordnungen. Biographie heißt aber auch irgendwo eine Geschichte erzählen. Im biographischen Film kann also niemals das wiedergegeben werden, was ein Mensch/Künstler tatsächlich gelebt hat. Kunst/Medien können in keinem Fall als ein komplettes Lebensdokument fungieren, sondern nur eine Ahnung davon geben; Leben skizzieren; aus dem Detail heraus illustrieren.Der Film The Miles Davis Story erzählt eine Lebensgeschichte, die nur unvollständig sein kann. Er dokumentiert etwas. Es wird der Ausschnitt vom Leben eines Künstlers, einer Persönlichkeit auf Film gebracht; irgendwo auch zur Schau gestellt. Mit welchen Mitteln/Materialien/Medien funktioniert dieses zur Schau stellen? Sind das Fakten. Sind das Ausschnitte . Sind das Bilder . Erinnerungen . Kommentare . Dokumente . Es handelt sich um Material aus einer Zeit und Material über eine Person, die wiederum bebildert, abgebildet, umschrieben werden soll. Dieser Film umschreibt mit einer gewissen Chronologie Aspekte des Lebens von Miles Davis. Mit all den Materialien, die man in Archiven; in Gesprächen und Ähnlichem finden kann - im Falle von Miles Davis scheinbar nicht übermäßig viel -, konstruiert man ein imaginäres Bild, von einem Mann, der schon tot ist; gestorben; aus dem Leben, welches dokumentiert werden soll, gerissen wird. Das dokumentierte Leben ist also auch von dieser Seite kein reales Leben mehr. Film ist auch inszenierte Realität; selbst etwas Dokumentarisches ist immer auch eine Nicht-Realität. Es ist hier und da auch Fiktion. Das Leben von Miles Davis ist eine vorübergegangene Geschichte, die durch diesen Film eine Fiktive geworden ist.

Suggestive Kraft von Biographie(n) und ihre kulturelle Berechtigung

Die Biographie The Miles Davis Story. The Definitive Look At The Man And His Music ist deshalb zur Fiktion geworden - wenngleich sie natürlich dokumentarisch arbeitet, dokumentieren will und das auch leistet -, weil sie zunächst einmal nur einen Auschnitt des Lebens dokumentieren kann und andererseits auch weil sie narrativ ist. Zwar suggeriert bzw. kolportiert der Titel dieser britischen TV-Produktion von Channel 4 einen ultimativen Blick auf den Mann und die Musik von Miles Davis . Gleichzeitig aber bezeichnet ‚Story' schon auch immer Fiktion. Aspekte präsentieren. Das kann dieser Film leisten. Mehr nicht. Aber im Umkehrschluss natürlich auch nicht weniger. 61 Lebensjahre in ca. 123 Minuten Film gepresst. Das kann nur ein Ausschnitt sein. Für was braucht man diesen Lebensausschnitt überhaupt? Was leistet er für diejenigen, die ihn betrachten? Was kann er tatsächlich vermitteln? Es ist natürlich in erster Linie eine Erinnerung an einen Mann, der nicht mehr ist; nicht mehr Teil dieser Erinnerung sein kann. Der Film ist [...]. Der Film ist auch Erinnerung. Diese TV-Dokumentation ist Erinnerung. Sie schafft ein kulturelles Gedächtnis. Für den Betrachter, dem der Bezug zu dieser Persönlichkeit fehlt, ist es natürlich auch eine Art Zeitbild; ein Dokument von vergangener Zeit, von einem "Zeitstück" ; Vergangenheit. In diesem Sinne wird diese Biographie als Film natürlich auch einem Dokumenatationsgedanken gerecht.

Biographie(n) als Mythen- und Legendenkonstrukteure

Doch das, was dieser Film nicht sein kann, ist, uns das Leben von Miles Davis tatsächlich in all seiner Breite objektiv und faktisch auf den Tisch zu legen. Film ist nur das, was er sein kann bzw. auch das, was er sein will. In aller Entschiedenheit will dieser Film, diese Dokumentation/Fiktion, auch ein Kommentar zu dem Leben des toten Menschen sein. Man wird sich bei der Lektüre des Films dessen mehrfach bewusst. Die Interviewten haben allesamt eine Anekdote und ein Kommentar zu Miles Davis abzugeben bzw. zu erzählen. Kommentar sein heißt aber auch sich bewusst zu sein, dass man nur kommentieren kann und nicht in der Lage ist zur Gänze zu erzählen; zu präsentieren bzw. auch vollends objektiv zu sein. An diesem Punkt ist Vorsicht und kritisches Sehen notwendig um nicht der Legendenbildung anheim zu fallen. Gerade eine Legende wollte Miles Davis selbst nicht sein. Er wollte nur er selbst sein. Ob diese TV-Dokumentation nicht gerade diese Legenden- und Mythenbildung unterstützend untermalt, indem sie diesen Anekdoten und Geschichten Raum zur Entfaltung ohne jedweden Widerspruch bzw. ohne jedwede Relativierung gibt, sei dahingestellt. Doch Biographie(n) als filmische Kategorie betrachtet und im speziellen Fall der ästhethischen Herangehensweise von The Miles Davis Story (Vgl. s.o.), ist natürlich anfällig für solche Konstruktionen von Ir-Realitäten.

Film als Biographie. The Miles Davis Story als eine kolportierte Biographie.

Film und Biographie. Was heißt eigentlich Biographie im Zusammenhang mit The Miles Davis Story? Zunächst einmal ist diese TV-Doku keine Autobiographie, weil dieses mediale Konstrukt ja nicht unter Mitwirkung des Biographierten verwirklicht worden ist. Es ist 10 Jahre nach seinem Tod entstanden; unter Mitwirkung derer, die ihn kannten, mit ihm lebten, ein Teil seines Lebens waren. Er selbst taucht zwar wiederum kommentierend auf, aber fungiert hier in seinen Interviews auch nur als Material für eine Story, die man erzählen will. Man kommt also nicht ganz ohne ihn aus, also ohne ein gesprochenes Wort oder Musik. Das kann wohl auch nicht funktionieren, wenn man über den Menschen reden, ein Kommentar abgeben will; es kann nicht funktionieren, dass man ohne ein Kommentar von dem Biographierten auskommt, wenn man ihn Biographieren will. Biographieren als ein Akt des Beschreibens? Biografie eine Lebensbeschreibung? Der Dokumentarfilm The Miles Davis Story versucht dieses Leben-Beschreiben natürlich in einer gewissen Art und Weise einzuhalten, indem es mittels Off-Kommentar und unterschiedlichen Aussagen von Wegbegleitern von Miles Davis das Leben dieser Persönlichkeit in einer gewissen Chronologie beschreibt. Man lernt diese Person dadurch ein Stück weit kennen; nicht zur Gänze; nur Bruchstückhaft. Der Zugang, den man als Betrachter präsentiert bekommt, bleibt indes eine Art biografischen Zugangs; obgleich es natürlich nicht en detail lebensbeschreibend sein kann. Fakten und Daten werden nebst zeitweise auch sehr subjektiven und mystifizierenden Aussagen in einer gewissen Abfolge anneinandergereiht. Diese Dokumentation gibt letztlich natürlich einen Einblick in die Arbeit und das Schaffen sowie ein bisschen auch in die Art wie Miles Davis sein Leben zu leben pflegte, aber geht nicht darüber hinaus. Die Möglichkeit ist zwar gegeben, dass man das künstlerische Schaffen von Miles Davis (Malerei und v.a. Musik) besser begreifen bzw. kennen lernen kann, aber mehr auch nicht. Ob dieser Film letztendlich sich in die Kategorie der Biographie pressen lässt, wenn man Biographie als eine Darstellung einer Lebensgeschichte begreifen will, die Entwicklungen und zeitgeschichtliche Verhältnisse miteinenander kritisch verwebt und in Beziehung setzt, gälte es argumentativ zu erörtern. Vielmehr ist The Miles Davis Story ein Kommentar von Freunden etc. über das Leben des Künstlers bzw. eine Dokumentation der Materialien, die man zu dieser Persönlichkeit aufspüren kann. Aber Biographie meint auch immer eine reflexive Einbettung in die Lebensbedingungen und die Umstände. Biographie ist also nicht nur ein Leben-Beschreiben, sondern geht darüber hinaus. Auch Film als Biographie sollte das leisten. The Miles Davis Story tut das sicher nicht in aller Konsequenz. Film als Biographie oder nicht. The Miles Davis Story kontra Miles Davis und nicht gleich Miles Davis.

 
Autor © Thomas Ochs (31.05.10)
 

Quelle The Miles Davis Story, Regie: Mike Dibb, DVD-Video, Sony Music Entertainement 2006; (The Miles Davis Story. The Definitive Look At The Man And His Music UK 2001).