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Charakterimpression Wade Whitehouse:
Für mich lebt der Film „Affliction“ von Paul Schrader aus dem Jahre 1997 einen Teil der Realität, die in unseren Kellern verstummt. Wer wird geschlagen? Wer misshandelt? Wer schweigt?
Es ist offensichtlich, dass der Zuschauer sich während dieser Filmlektüre mit einer Konfliktsituation konfrontiert findet, die ihm vielleicht selbst nur aus den Nachrichten bewusst ist: die Misshandlung von Kindern und ihre Folgen. Aufgrund der möglichen fehlenden persönlichen Erfahrung sollten wir uns für solche Schicksale näher interessieren und uns diesbezüglich einen Horizont schaffen, um Verständnis für jene Menschen zu entwickeln, ihnen zuzuhören. Das filmische bzw. literarische Schicksal von Wade Whitehouse und seinen Geschwistern beschreibt sicherlich nur in geringem Maße die Gefühle von Opfern in unserer gesellschaftlichen Realität, unserem Alltag, weshalb ich explizit bemerken möchte, dass ich mich hier ausschließlich auf meine persönliche Empfindung während der Filmlektüre beschränken will.
Paul Schrader bebildert mit seiner mehrfach zum Oscar nominierten Regiearbeit den teuflischen Kreislauf der familiären Gewalt, aus der es in seinen Augen schwer ist auszubrechen, aber auch jeder, dem dieses Schicksal zu Teil wird, selbst für sein Leben verantwortlich ist.
Ich sehe in Wade von Filmbeginn an eine gescheiterte, gebrochene Figur, die Hier und Da die Möglichkeit wahrnehmen könnte das Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken, aber sich letztendlich selbst ins Abseits manövriert. In seiner Kindheit sieht Wade sich stets als Beschützer seiner Geschwister und seiner Mutter, indem er die Prügeleien vom Vater auf seine Schultern abzuwälzen versucht. Er möchte stark sein und in gewisser Hinsicht auch seinem Vater beweisen, was für ein harter Kerl, wie anders er ist. Doch die Gewalt von seinem Vater lässt ihn das ganze Leben nicht mehr los; sie hängt wie ein gebranntes Jesuskreuz über seiner Stirn und schnürt seine Möglichkeit einmal anders als sein Vater zu werden weiter ein. Der Dämon Vater; diese Konstante; die Erinnerungen an seine Kindheit bleiben im Vordergrund seines Handelns und mir, als Zuschauer, kam es so vor, dass Wade gerade dann, wenn er versuchte alles richtig zu machen immer die Augen vor seiner tatsächlichen Situation verschloss - sei es bezüglich dem Sorgerechtskampf gegen seine Ex-Frau oder auch im Zusammenhang mit seinen Verschwörungstheorien zu dem Jagdunfall. Wade ist vor allem deshalb eine zum verlieren verurteilte Figur, weil er nicht begreift, dass er seine eigenen Probleme verdrängt, sie nie wirklich verarbeitet und mit dem Kummer in seinem Herzen durch die Straßen irrt. Er möchte alles richtig machen und für Gerechtigkeit einstehen, aber verkennt die Tatsache, dass er Situationen, Gegebenheiten völlig falsch einschätzt, gerade deshalb, weil er ja nicht einmal sich selbst einschätzen kann.
Langsam aber sicher zermürbt ihn nicht nur sein Zorn auf die eigene Kindheit, sonder auch seine ständig weiteren Niederlagen, die er ertragen muss. Er verliert sich um seine Sorgen und Probleme weiter verdrängen zu können in der Trinkerei und nimmt immer mehr die Züge der Vatergestalt an, die ihn zeit seiner Kindheit verfolgt. Ein Teufelskreis aus dem Wade nicht mehr entkommen wird; er kann weder ein besserer Vater, ein besserer Ehemann, noch ein besserer Mensch sein, als sein Vater.
Autor: © Thomas Ochs (08.10.08)